Die Schockwellen der Brexit-Entscheidung sind nun überall in Europa zu spüren. Die Bestürzung so vieler Menschen in Großbritannien wird auf dem Kontinent geteilt. Einige von Ihnen haben uns vor dem Referendum die Hand ausgestreckt, unsere gemeinsamen Interessen betont und uns gebeten, in der EU zu bleiben. Jetzt ist es an uns, an Sie zu appellieren. Nachdem das Ergebnis Europa zurückgewiesen und die groben Triumphreden von Nigel Farage und anderen Befürwortern des Austritts aus der Sie brüskiert haben, mag Ihnen jede Bitte von uns als Unverschämtheit vorkommen. Ihre Bürger gehören zu denjenigen, die das Ziel der entfesselten Ausländerfeindlichkeit in unserem Land sind. Kontinentale Europäer denken womöglich, dass es uns nicht zusteht, angehört zu werden.
Fast die Hälfte des Landes wollte in der EU bleiben. Der Guardian war eine der entschiedensten Stimmen auf dieser Seite der Debatte. Aber wie auch der Rest der 48% müssen wir die befürchtete Entscheidung nun respektieren. Sie alle haben angenommen, der britische Pragmatismus würde letztendlich siegen. Wir teilen Ihren Schock und Ihre Sorge. Auch wenn Sie dazu versucht sein könnten: Bitte schreiben Sie uns nicht ganz ab! Viele Briten möchten die engstmögliche Partnerschaft mit der Europäischen Union, und jetzt ist es dringlicher denn je, die Kooperation auf jede nur mögliche Art fortzusetzen.
Einige von Ihnen sind wütend. Großbritannien galt schon früher als ein unwilliger Partner, wir zögerten Dinge immer wieder hinaus und forderten endlose Zugeständnisse. Viele betrachten uns nun auch als eine destruktive Kraft, die mit einer zerbrechlichen europäischen Wirtschaft spielt und eine Institution in Gefahr bringt, die geschaffen wurde, um den Frieden zu sichern. Andere haben Mitleid oder empfinden Verachtung für eine Nation, die den Brexit aufgrund einer Serie von Fantastereien und Lügen unterstützt hat, die bereits zurückgenommen wurden, oder spüren gar Schadenfreude angesichts der Kosten dieser Torheit, die jetzt schon deutlich werden. Vielleicht möchten Sie uns bestrafen oder einfach sagen: Gut, dass wir die los sind! Großbritannien sollte keine Sonderbehandlung erwarten. Trotzdem bitten wir Sie in diesem prekären Moment, innezuhalten – in unser aller Interesse.
Vor allem brauchen wir jetzt Zeit. Großbritannien hat zwar gegen die Mitgliedschaft gestimmt, aber eben nicht für eine Alternative. Die Öffentlichkeit hat der Entscheidung zwischen einer Ablehnung des gemeinsamen Marktes und der Akzeptanz von weiterer EU-Migration, in welcher Form auch immer, noch nicht ins Auge gesehen. Natürlich sollten Sie den Brexit-Befürwortern klar machen, dass sie nicht die Rechte von EU-Mitgliedern beanspruchen können, ohne auch die entsprechenden Verpflichtungen zu erfüllen. Es könnte Großbritannien helfen, die Situation realistischer einzuschätzen, wenn dem Land die Entscheidungsmöglichkeiten deutlich vor Augen geführt werden. Das Land hat sich dagegen entschieden, den selben Weg weiterzugehen, aber seine neue Route und sein Ziel sind noch unklar. Sehr viel muss durchdacht und weitere Entscheidungen müssen getroffen werden. Dabei könnte das Parlament involviert werden, vielleicht gibt es sogar Neuwahlen. Sie in Europa hoffen auf Sicherheit und Stabilität, aber zu sehr die Aktivierung des Austritts nach Artikel 50 einzufordern, könnte dazu führen, dass wir unter Druck Entscheidungen treffen, die auch Sie bedauern würden.
Während Großbritannien seinen Kapitän oder seine Kapitänin für eine turbulente See auswählt, werden Sie mit Ihren eigenen Entscheidungen beschäftigt sein, die durch das Ergebnis unseres Referendums noch drängender werden. Das Vereinigte Königreich hat nun kein Recht mehr, Präferenzen zu artikulieren, wenn Sie entscheiden „wie viel“ und was für ein Europa Sie wollen.
Der Wunsch, uns zu bestrafen, um so andere davon abzuhalten, ebenfalls die EU zu verlassen, ist allzu verständlich. Die richtige Politik stellt sicher, dass der Brexit kein katastrophaler Katalysator wird. In ganz Europa wenden sich Menschen von der etablierten Politik ab, es gibt Wut auf die Eliten und die Suche nach ausländischen Sündenböcken, und vielerorts haben sich diese Faktoren zu einer EU-feindlichen Stimmung verdichtet. Wie Sie waren wir alarmiert, als Marine Le Pen’s Front National und andere weit rechts stehende Parteien die britische Entscheidung gefeiert haben.
Eine große Anzahl von Menschen hat das Gefühl, ignoriert und schlecht behandelt zu werden – sie haben nicht den Eindruck, dass ihnen die europäische Integration nutzt. In Großbritannien haben Lügen über gerade Bananen und Übertreibungen über die Undurchsichtigkeit der EU-Strukturen Ressentiments gegen die Institution geschürt und das Gefühl verstärkt, die politische Klasse zu Hause wie auch im Ausland habe kein Gespür für das gewöhnliche Leben, und in ihren Entscheidungen sei ihnen der Profit häufig wichtiger ist als die Menschen.
Das Vereinigte Königreich muss nun neue Bindungen zu Hause schaffen, ohne seinen Blick gänzlich nach innen zu richten. Lassen Sie uns zusammenarbeiten, wo immer wir nur können. Wir erwarten nicht, eine Führungsrolle einzunehmen oder die Regeln zu bestimmen, aber wir können immer noch Expertise, Ressourcen und Informationen auf Gebieten wie der Sicherheit anbieten. Zusammenarbeit zwischen unseren Bürgern – kulturelle Kooperationen, wissenschaftlicher Austausch – trägt auf lange Sicht am meisten dazu bei, Europa enger zusammenzubringen. Das ist heute wichtiger denn je. Vergessen Sie nicht, dass die große Mehrheit der jüngeren Briten, die abgestimmt haben, für Europa war, und helfen Sie uns, diesen Geist und die Chancen, die sich daraus in der Zukunft ergeben, zu fördern.
Sobald Großbritannien aus der EU ausgetreten ist, kann und sollte es keine zügige Rückkehr erwarten. Das wäre innenpolitisch gefährlich und würde der EU eine enorme Großzügigkeit abverlangen. Aber diejenigen von uns, die den Brexit mit Widerwillen betrachten, hoffen, dass wir eines Tages wieder in den Club eintreten dürfen. Verabschieden Sie uns mit Trauer und Sorge, aber bitte nicht mit Wut, und verriegeln Sie in unser aller Interesse nicht die Tür.